Die eebsch Seit: und wir lieben die Wiesbadener doch!

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Wo is die eebsch Seit? Ulrike Neradt hat anno 2005 darüber sogar schon ein Buch geschrieben. Ihre salomonisch anmutende Lösung, die sie den Treidelpferden ins Maul legt, löst das altbekannte Mainz-Wiesbadener Spannungsverhältnis nicht wirklich auf. Muss es das überhaupt? Letztlich bringt es Mainzer und Wiesbadener immer wieder ins Gespräch und das ist doch letztlich eine gute Sache, oder?

Ganz neu sind derlei städteverbindende Themen nicht. Nürnberg und Fürth genießen sie ebenso wie Köln und Düsseldorf und so manch andere Stadt in Deutschland. Was mich als Mainzer dann doch schon mal interessiert hat, das ist eher die Frage, wo denn die Zwistigkeit herkommt. Während das Thema bei mir über Jahre ausschließlich Interessestatus genoss, wollte es der Zufall, dass ich bei der Lektüre eines Buches urplötzlich und völlig ungewollt fündig wurde und die folgenden Seiten hellwach verschlang. Ich impliziere bei Ihnen nun auch ein gewisses Interesse und will darum das Trauerspiel in zwei Akten nicht vorenthalten, was ich vorfand.

1. Akt 1841: der Nebeljungenstreich

In der Zeit, als die noch junge Erfindung der Eisenbahn sich anschickte die Regionen, in denen sie sich etablieren durfte, mit Prosperität zu belohnen, geriet Mainz gegenüber Wiesbaden leicht ins Hintertreffen. Die Taunusbahn verhalf Wiesbaden seit ihrer Inbetriebnahme am 13. April 1841 zu neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten, während man in Mainz höchste Bedenken gegen eine direkte Anbindung an die Taunusbahn hegte. Nicht ganz zu unrecht befürchtete man einen Abfluss eines Großteils des Verkehrs nach Frankfurt hin. Die Mainzer waren zudem ihrer Möglichkeit des Gleichziehens mit einer linksrheinischen Eisenbahn beraubt, da militärische Kreise befürchteten, dass eine Verbindungsbahn zwischen den Rheinfestungen dem Franzosen die Eroberung deutscher Lande erleichtern würde – und so alle Entwicklungsbestrebungen der Mainzer blockierten.

Mainzer Know-How beim Bau der eebschen Eisenbahn

Ich erlaube mir, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass die Taunusbahn von dem aus Mainz stammenden Ingenieur Paul Camille von Denis erbaut wurde. Die Taunusbahn eroberte sich schnell den Platz der rentabelsten, der acht Privatbahnen.

Das Leiden der Mainzer nimmt seinen Lauf

Die Ängste der Mainzer wurden noch etwas stärker, als sich eine der Auswirkungen der Taunusbahn zeigte: die großen rechtsrheinischen Nachbarstädte zogen den Fremdenverkehr an sich. Als eine der weiteren Auswirkungen stellte man fest, dass zwar die Mainzer Damenwelt zum Shopping per Bahn in die Frankfurter „Magasins des Modes“ fuhren, die Frankfurter hingegen sich lediglich auf einen Kaffee nach Mainz bemühten. Eine Ungerechtigkeit, die ihres Gleichen sucht.

Nassauer bringen das Fass zum Überlaufen

Als wäre dies nicht genug, schickte sich im Jahr 1841 die Nassauer Regierung an, zu Biebrich einen Freihafen zu eröffnen und auch noch Strombauten auszuführen um das Fahrwasser von Mainz zum rechten Ufer abzulenken. Dies war natürlich für die Mainzer eine Kriegserklärung, befürchtete man nun auch noch, des Rheinverkehrs des Mainzer Hafens verlustig zu gehen. Aber da hatten die gierigen Nassauer die Rechnung ohne den Mainzer Wirt gemacht!

The Mainzer Empire strikes back!

Sicher war die Nacht des 28. Februars auf dem 1. März 1841 dunkler als alle anderen des Jahres. Finster waren sicher auch die Mienen der Besatzungen der 103 Schiffe, die den Mainzer Hafen in dieser Nacht verließen. Leuchtend hell dürften dagegen die Flammen der Rache in ihnen gelodert haben, hatten die Schiffe doch schwere Steine geladen, als sie von den Mainzer Besatzungen zur Rettbergsaue und Petersaue gelenkt und eben dort quer zur Fahrrinne versenkt oder ausgeleert wurden.

Ein Steindamm von einem halben Meter Höhe quer über den Flussarm war das Ergebnis der Aktion. Der Biebricher Hafen war damit blockiert und die Seelen der Mainzer waren für wenige Momente wieder beruhigt. Alle Hürden hatten findige Mainzer genommen. Damit der Schiffskonvoi sein Ziel erreichen konnte, musste die Mainzer Schiffsbrücke geöffnet werden. Die Genehmigung hierfür wurde beim preußischen Gouverneur zielstrebig erschlichen indem man die Steinladung als für den Bau des Kölner Doms bestimmt deklarierte.

Hessische Truppen waren auf Geheiß des hessischen Ministers du Thil ebenfalls beteiligt. Ein Offizier mit zwanzig Gendarmen überwachte die Mainzer Stromregulierung.

Sommer 1841

Der Triumph der Mainzer hielt nur wenige Monate. Nassau erhob Einspruch beim Bundestag und gewann zudem einen Prozess mit dem Ergebnis, dass preußische Pioniere den Steindamm wieder beseitigen mussten. Der Nebeljungenstreich fand auch Einzug in Heinrich Heines Wintermärchen in welchem der Vater Rhein zu Worte kommt: „Zu Biebrich hab‘ ich Steine verschluckt, wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker.„.

2. Akt 1848: Revolution

Der Misserfolg des Nebeljungenstreichs lastete über Jahre schwer auf der Mainzer Seele. Karl Friedrich Denninger war einer der ersten Mainzer Bürger, welche die positive Bedeutung der Taunusbahn auch für Mainz erkannten. Ein zartes Pflänzlein, das jedoch noch einige Jahre des Wachstums benötigte. Die erste Deutsche Industrieausstellung fand 1842 in Mainz statt und zog Aufmerksamkeit auf die Gutenbergstadt, die bei ihrer wirtschaftlichen Entwicklung noch immer mit ihrem engen Korsett des Militärs haderte. Festungsmauern und Restriktionen waren der Prosperität wahrlich nicht förderlich.

Die Revolution machte auch vor Mainz nicht halt und brachte Unfrieden in die Stadt. Ein Teil des Zorns der Mainzer entlud sich Anfang April 1848 auf der rechtsrheinischen Seite als ein „wilder Volkshaufen“ die Bahn zwischen Kastel und Hochheim samt Telegraphen, Barrieren, Bahnwärterhäuschen und den Fenstern des Kasteler Bahnhofsgebäudes zerstörte. Als Kriegsbeute wurden Schienen und Gerätschaften nach Mainz geschleppt. Darüber hinaus erzwangen Mainzer in Scharen mit Gewalt die unentgeltliche Nutzung der Bahn für Fahrten nach Wiesbaden.

Weltoffen sind sie, die Mainzer

Heute verspürt man von den damaligen Auseinandersetzungen nichts mehr. Oft ist die Überlegung, welche der beiden Städte nun die eebschere ist, auch mehr ein Small-Talk-Thema – gottlob. Der Mainzer schickt ich oft an, zum Flanieren nach Wiesbaden zu fahren. Der Wiesbadener wiederum lässt sich nur zu gerne von der Mainzer Lebensart über den Fluss locken.

Wenngleich wir nun der Frage nach der Lage der „Eebsch Seit“ nun noch nicht wirklich näher gekommen sind, haben wir doch gemeinsam zumindest ein wenig Licht ins Dunkel der gemeinsamen Geschichte bringen können.

Über den Autor

Hans-Jürgen Schwarzer

Hans-Jürgen Schwarzer leitet die Content-Marketing-Agentur schwarzer.de software + internet gmbh. Als Unternehmer und Verleger in Personalunion wie auch als leidenschaftlicher Blogger, Gourmet, und Gourmand gehört er zu den Hauptautoren von mainz-schmecker.de. Innerhalb seiner breiten Palette an Themen liegen dem Mainzer Lokalpatrioten herausragende kulinarische Erlebnisse besonders am Herzen.

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